„Zeitungen selbst sind in ihrer Form immer ein Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse“

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v.l.n.r.: Gerd Siebecke, Heiko Hilker, Petra Sitte, Ulrike Winkelmann, Tom Strohschneider

Eine prominente Runde war am Donnerstag in Halle zusammengekommen, um mit Petra Sitte über die Herausforderungen des digital getriebenen Medienwandels für linke Zeitungen zu diskutieren. Mit Tom Strohschneider, dem Chefredakteur des Neuen Deutschland, und Ulrike Winkelmann, der Ressortleiterin der innenpolitischen Redaktion der taz, gaben zwei angesehene journalistische Fachleute interessante Einblicke in das Innenleben linker Zeitungsredaktionen. Gerd Siebecke vom VSA-Verlag konnte hingegen die verlegerische Sichtweise auf die aktuellen Entwicklungen und Tendenzen im Journalismus vertreten. Wiederum eine andere Perspektive nahm Heiko Hilker ein. Als hauptberuflicher Medienberater (DIMBB) und langjähriger MDR-Rundfunkrat ist er ein ausgewiesener Experte für die strukturellen Rahmenbedingungen, unter denen linker Journalismus stattfindet. Befindet sich linke Publizistik in einer Krise? Mit dieser grundlegenden Frage begann die Diskussion im halleschen Multimediazentrum.

Heiko Hilker kann keine generelle Krise linker Medien erkennen. Dass verschiedene Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau oder auch das Neue Deutschland weiterhin LeserInnen verlieren, habe ganz spezifische Gründe, ein allgemeiner Trend sei aber nicht erkennbar. Eine neue Entwicklung sieht auch Tom Strohschneider hier nicht: „Die finanzielle Krise ist bei linken Zeitungen schon immer der Normalzustand.“ Vielmehr bereite ihm etwas anderes große Sorgen: „Es gibt eine linke Öffentlichkeitskrise. Der Raum linker Öffentlichkeit schwindet, und mit jedem Verschwinden linker Publikationen wird er kleiner.“ In der heutigen Zeit, die vor allem durch den rasanten Abbau der Sozialsysteme und einen neoliberalen Diskurs bis weit in ehemals linke Publikationen hinein geprägt sei, gelte es, den Einfluss linker Medien auf breite gesellschaftliche Debatten zu bewahren und auszubauen. Hier entgegnete Gerd Siebecke, dass die Nischenblätter sicher sehr wichtig seien, „mehr Kooperation zwischen den einzelnen Medien wäre aber trotzdem hilfreich.“ – „Um was zu tun?“ fragte Ulrike Winkelmann in die Runde.

Einfluss auf die gesellschaftlichen Debatten ist ihr zufolge vor allem durch Schnelligkeit und Präzision zu erreichen: „Es geht auch darum, DAS schlagende Argument möglichst so schnell zu publizieren, dass die anderen von uns abschreiben müssen.“ Dass dieses hehre Ziel oft auch mit einem hohen Maß an Selbstaus-beutung verfolgt wird, wurde in den Berichten aus dem Redaktionsalltag schnell deutlich. Es ist eben nicht einfach, qualitativ hochwertige, aber teure Recherche zu leisten, wenn man gleichzeitig wirtschaftlich denken muss. „Zeitungen selbst sind in ihrer Form immer ein Ausdruck gesell-schaftlicher Verhältnisse,“ fasste Tom Strohschneider die Problematik zusammen. Ob das Internet allein hier Abhilfe leisten kann, sieht Gerd Siebecke kritisch: „Die Erfahrung zeigt, dass die Diskussionen im Internet eher den eigenen Narzissmus befriedigen und Debatten ins Unendliche verlängern.“ Wirkliche journalistische Arbeit findet seiner Meinung nach weiterhin vor allem in den Printmedien statt. Auch Heiko Hilker meint, dass das journalistische Potential des Internets nicht im Ansatz ausgenutzt werde. Die Hoffnung, dass sich durch das Internet eine breitere Öffentlichkeit herausbilde, habe sich noch nicht erfüllt. Stattdessen seien es einige wenige, die einen Großteil der digitalen Öffentlichkeit bestimmen, Themen und Meinungen setzen würden. Zudem werde mit dem Internet bisher kein Geld verdient.

Die Online-Angebote kosteten die Verlage vielmehr Geld, welches oft an anderer Stelle gespart werden müsse, warf Ulrike Winkelmann in die Runde: „Ich stelle gerne noch mehr Online-Redakteure ein, wenn mir jemand sagt, wann wir damit Geld verdienen.“ Skeptisch ist die taz-Redakteurin auch, wenn es um die Beteiligung breiter Bevölkerungsgruppen geht. Gerade die sogenannten „Abgehängten“ würden aktuell weder durch digitale Angebote noch durch gedruckte Zeitungen erreicht. Im Erreichen dieser Menschen, die doch eigentlich zur „natürlichen“ Zielgruppe gehören müssten, sieht sie eine der wichtigen Herausforderungen für linke Medien. Damit dies gelingt, müssten auch linke Medien verstärkt darauf schauen, was ihre „Kundschaft“ verlangt, schlug Gerd Siebecke vor. Tom Strohschneider appellierte zudem auch an die LeserInnen, „nicht aufzuhören, etwas von uns einzufordern, uns dabei zu helfen, bessere Zeitungen zu machen.“ Dieser Aufforderung kamen zahlreiche Gäste sogleich nach: insbesondere eine stärkere Orientierung an der Lebenswirklichkeit der Menschen wurde eingefordert. Auch linke Zeitungen sollten es mehr „menscheln“ lassen, ohne dabei jedoch zu sehr ins Boulevard abzugleiten. Damit war treffend umschrieben, worin eine der vielen Gratwanderungen besteht, welche linke Medien stetig leisten müssen: sowohl ihrem eigenen Bildungsanspruch nachzukommen, herrschende Ungerechtigkeiten und politische Zusammenhänge aufzuzeigen und gleichzeitig Unterhaltung und Ablenkung von den Mühen des Alltags zu bieten. Weitere Bilder von der Veranstaltung finden Sie hier.