In Berlin und (H)alle dabei – Wortgewalt

In der letzten Kolumne sprach ich von der Macht der Stimme, von Stimmgewalt. Ganz kurz streifte ich dabei die Wahl Joe Bidens. Haben Sie die Amtseinführung gesehen? Es wurde deutlich, dass nun eine Wende kommt. Eine gute, hoffe ich, denn Präsident Biden muss das Chaos aufräumen, was Ex-Präsident Trump hinterlassen hat.

Was deutlich zu spüren war, war Hoffnung. Hoffnung auf Frieden und Heilung, nachdem Größenwahn für Unruhen, Hass und Leid gesorgt hat – und dass allein schon durch Worte, getwittert und verstärkt durch Mikrofone.

Gewaltige Stimmen waren zur feierlichen Einführung geladen. Lady Gaga und Jennifer Lopez, zum Beispiel, zwei große Sängerinnen, sorgten bereits mit ihren Performances der Nationalhymne und This Land Is Your Land / America The Beautiful für Eindruck. Aber den wohl stärksten Auftritt hatte die junge Lyrikerin Amanda Gorman mit ihrem Gedicht The Hill We Climb hingelegt und somit, so hoffen es der Tagesspiegel und der Buchhandel, einen neuen Lyrik-Hype ausgelöst.

Die 22-jährige Schriftstellerin und Aktivistin habe eine Sprachbehinderung und sich deshalb schon früh dem geschriebenen Wort als Ausdrucksform gewidmet. Nun steht sie da und trägt ihr Gedicht vor, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie deklamiert von „einer Nation, die nicht kaputt ist, sondern einfach unvollendet“, dass sie als „dünnes, schwarzes Mädchen, das von Sklaven abstammt und von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde, davon träumen kann, Präsidentin zu werden“. Sie spricht von Gemeinschaft und einem Land, „das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt“ und will die Zukunft an erste Stelle setzen. Das tut sie mit einer Klarheit, mit Pathos, Nachdrücklichkeit und einer Gestik, die die Anwesenden staunend und zuversichtlich zurücklässt. Sie stellt die anderen Künstler:innen des Tages in den Schatten. Amanda Gorman verkörpert dabei gleichzeitig alles, wovor sich Bidens Amtsvorgänger – aber wohl auch die eine oder andere deutsche Talkshow-Runde – zu fürchten scheint: Sie ist jung, weiblich, nicht weiß und hat eine Stimme, die sie einsetzt, Worte, die sie formuliert und mit ihnen treffsicher auszudrücken vermag, was sie und viele andere, die von Hass und Diskriminierung betroffen sind, fühlen, denken und erleben. Sie wird gehört und nun wohl auch weltweit gelesen. Es braucht noch mehr Frauen wie Amanda Gorman. Es gab und gibt schon Frauen wie Amanda Gorman: Fran Ross, Kathleen Collins, Zadie Smith, Anne Petry, Zora Neale Hurston, Toni Morrison, Alice Walker, Paule Marshall, Ntozake Shange, Kristin Hunter, Lorraine Hansberry, Maya Angelou, Audre Lorde, Sharon Dodua Otoo und auch Katharina Oguntoye, May Opitz, Marion Kraft, Alice Hasters, Jackie Thomae, Olivia Wenzel. Sie schreiben und sprechen über Rassismus, Hass und Gewalt, aber auch über Hoffnung und ein Miteinander.

Sie alle wären nicht nur die richtigen Gäste für Talkshows über Rassismus. Sie alle haben eine Stimme, haben Worte für das, was sie ausmacht, was sie (er)leben, lieben und erfahren, was sie denken, wofür sie einstehen, was sie bewegt und was sie sich wünschen. Sie müssen auf die Bühnen, in die Vorstände, in die Talk-Runden, in die Politik geholt werden, damit diese unsere Gesellschaft Vielfalt tatsächlich lebt, Rassismus und alle anderen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit endlich und glaubhaft und nachhaltig ablegt.

Stürmen wir die Buchläden statt Regierungsgebäude und lesen, was diese Frauen – und auch all die anderen Menschen – zu schreiben haben, hören zu, was sie zu sagen haben und nehmen sie in ihren Erfahrungen verdammt nochmal ernst. Und wenn sich ein Mensch von einer diskriminierenden Bezeichnung beleidigt und diskriminiert fühlt, dann legen wir sie bitte ab. Ohne Diskussion. Ohne Aber die Apotheke / die Soße / das Gebäck hieß schon immer so! Ich finde das Wort nicht schlimm! Das ist Tradition! Bla, bla. Worte haben Macht. Worte können Gewalt sein. Im Guten wie im Schlechten. Aus Worten folgen Taten, also sollten wir auf das, was wir sagen, gut achten, denn im Nachhinein Fehler einzuräumen, macht das Gesagte nicht ungesagt. Diskriminierung hat in unserer Gesellschaft keinen Platz – jeder Mensch, so wie er ist, jedoch schon.