Auf in den Wahlkampf!

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(c) Katja Müller

Im voll besetzten Steintor Varieté wurde Petra mit überwältigender Mehrheit zur Direktkandidatin der LINKEN im Wahlkreis 72 für die Bundestagswahl gewählt. Mit 98 % der Stimmen im Rücken beginnt nun der Kampf um die Verteidigung des Direktmandats. Das sehr gute Wahlergebnis verdeutlicht, dass Petra dabei auf die breite Unterstützung der Stadtpartei bauen kann, wie auch Swen Knöchel, MdL und Stadtvorsitzender, klarstellte: „Als Forschungs- und Technologiepolitikerin verkörpert Petra in überzeugender Weise den Anspruch der LINKEN, alle politischen Fragen mit den sozialen Fragen zu verknüpfen.“ Und auch Gregor Gysi, der als Gastredner alle Anwesenden auf den nun anstehenden Wahlkampf einschwor, setzt darauf, dass Petra ihr hallesches Mandat verteidigt: „Sie ist schlau und hat einen hochanständigen Charakter. Ohne Petra würde in der Bundestagsfraktion Einiges fehlen.“

Und deshalb heißt es nun: Auf in den Wahlkampf!

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Weitere Bilder von der Veranstaltung im halleschen Steintor Varieté finden Sie hier.

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Hier können Sie ihre Rede zur Kandidatur in voller Länge nachlesen:

„Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Interessierte,

„Wissen von morgen“ – das mag dem einen oder der anderen jetzt durchaus bekannt vorkommen. In der Tat firmieren schon seit längerem meine Vorschläge zu einer modernen linken Politik des Umgangs mit Bildung und Wissen, Technologien und Innovationen unter diesem Label.

Ich will damit ganz klar sagen, DIE LINKE und natürlich ich wollen über Gesellschaftsveränderung und damit über Zukunft reden – nicht nur im Bundestag. Vielmehr wollen wir auch Teil einer öffentlichen Diskussion bundesweit, in Sachsen-Anhalt und erst recht in meinem Wahlkreis sein.

Daher haben wir auch eine ganze Kette von Veranstaltungen zu diesen Themen angeboten – in Berlin, in Halle und anderen Orts. Daher nehmen wir auch aktiv Gesprächsangebote an oder fahren zu wissenschaftlichen Instituten und Einrichtungen, um uns dort mit WissenschaftlerInnen über deren und unsere Vorstellungen auszutauschen. Erst in der vergangenen Woche waren wir am Zentrum für Telematik in Würzburg und bei der IG Metall, um dort über Veränderungen in der Industriepolitik und Arbeitswelt infolge der Digitalisierung zu sprechen.

Warum spreche ich eigentlich über Wissen von Morgen und nicht für Morgen? Ich tue das, weil sich unter dem Stichwort Wissen im letzten Jahrzehnt bedeutsame Veränderungen vollzogen haben – sowohl mit gesellschaftspolitischem Bezug als auch in Bezug auf den Begriff Wissen selbst.

Erstens wird es das Wissen für Morgen nicht mehr geben.

Und zweitens begegnet uns Wissen nicht mehr statisch als eine nahezu unabänderliche absolute Wahrheit. Durch die digitale Revolution hat sich das Verständnis von Wissen und Information geändert.

Beides will ich Euch bzw. Ihnen gern erklären, weil es programmatischen Charakter für meine Kandidatur hat. Ich möchte nämlich vorstellen, mit welchen Überlegungen ich meine Arbeit in den letzten Jahren gestaltet habe… Und ich möchte erklären, für welche weiteren Ziele ich mich in den nächsten Jahren engagieren möchte.

Nun zum ersten Punkt. Warum wird es das Wissen für Morgen nicht mehr geben?

Um mal wieder mit der Tür ins Haus zu fallen, bringe ich es gleich am Anfang auf den Punkt. Der Grund liegt schlicht und ergreifend darin, dass die Vorstellungen über das Morgen in der Gesellschaft auseinandergehen.

Die Frage „Wie wollen wir leben?“ löst bei Menschen durchaus verschiedene Schwerpunktsetzungen aus.

Wenn ich nur daran erinnere, dass die Schere zwischen arm und reich in dieser Gesellschaft immer weiter auseinandergeht. Für rund 4,5 Millionen Menschen hat sich die Einkommenssituation im letzten Jahrzehnt insbesondere infolge der Agenda 2010 deutlich geändert. Von den NiedriglöhnerInnen und Arbeitslosen ganz zu schweigen.

500.000 der 4,5 Millionen finden sich heute in einer besseren Einkommenssituation. Aber vier Millionen Menschen sind in die unteren Einkommensgruppen abgerutscht. In kaum einem anderen Land ist dieser Prozess so schnell und so tiefgreifend verlaufen. Nur Menschen in Griechenland und Irland haben einen solch massiven Armutssturz erleben müssen.

Die Zahl der so genannten Aufstocker, also Hartz-IV-EmpfängerInnen trotz Beschäftigung, macht in Halle rund drei Viertel der BezieherInnen aus. In anderen Städten liegt das Verhältnis genau umgekehrt.

Und dass die Interessen und Vorstellungen der sozial Benachteiligten gegenüber den Krisengewinnlern oder Beziehern von Großeinkünften über Ziele und Vorstellungen für die Gesellschaft auseinandergehen, das liegt ja wohl auf der Hand.

Eine Abstimmung über die Begrenzung von Managergehältern bzw. mehr Gerechtigkeit in der Entlohnung dürfte auch in Deutschland ähnliche Ergebnisse hervorbringen wie in der Schweiz. Immerhin gibt es längst eine ganz klare Mehrheit für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn in diesem Land.

Aber selbst da, wo wir uns noch relativ nah beieinander befinden, setzt jeder oder jede von uns aus seiner bzw. ihrer konkreten Lebenssituation heraus nochmals spezifische Schwerpunkte. Und nicht selten glauben die Menschen jeweils, dass ihre Prioritäten ja doch wohl völlig unbestritten von den Allermeisten geteilt werden müssten. Irrtum. Das ist durchaus nicht immer der Fall.

Mithin zeigen sich die Unterschiede schon, wenn man sich nur die einzelnen Stadtteile von Halle vor Augen führt. In welchem Stadtteil ich wohne, sagt inzwischen auch etwas über den persönlichen sozialen Status.

Und es sagt zugleich etwas über städtische soziale und soziologische Probleme. Wie ungleich Armutsrisiken von Kindern in dieser Stadt verteilt sind, habe ich umfänglich erst auf unserem letzten Stadtparteitag erklärt.

Insofern ergeben sich also verschiedene Vorstellungen über das Leben in einer Stadt oder auch über das Leben in kleineren Orten in ländlichen Gebieten.

Der sich aktuell vollziehende demografische Wandel prägt die Erwartungen der Menschen an alltägliche Dienstleistungen und öffentliche Einrichtungen, an leistungsfähige Sicherungssysteme – als da sind gesetzliche Rente, das öffentliche Gesundheitssystem, eine menschenwürdige Pflege und eben auch Erwartungen an starke Gemeingüter wie Wohnungen samt bezahlbarer Mieten, an öffentliche Personenverkehre, an erschwingliche und gerecht verteilte Kosten von Energie, Wasser und Abwasser, Entsorgung etc.

All diese Dinge werden für die Existenz von Menschen immer wichtiger. Sie zu stärken bestimmt über den gesellschaftlichen Frieden in diesem Land in den kommenden Jahrzehnten ganz maßgeblich.

Und ich will, dass die Menschen in jeder Hinsicht friedlich, respektvoll und solidarisch miteinander leben.

Es geht daher beim „Wissen von Morgen“ auch um eine Grundsatzentscheidung. Wollen wir die Gesellschaft, sollen die Gemeinschaften in dieser Gesellschaft solidarisch miteinander leben oder soll sich die Entwicklung der Individualisierung, des Selbstunternehmertums, der Selbstoptimierung, der Deregulierung und Privatisierung von Lebensgrundlagen und Arbeitsbedingungen fortsetzen?

DIE LINKE hat das ganz klar für sich entschieden. Wir wollen einen Transformationsprozess dieser Gesellschaft in all ihren Bereichen – auch über die Grenzen dieses wirtschaftlichen und politischen Systems hinaus. Aber wir wollen es demokratisch. Da beißt die Maus keinen Faden ab!

Und deshalb brauchen wir für ein neues gesellschaftliches Miteinander auch das Alltagswissen und das Engagement vieler Menschen, weil die Änderung eben von unten wachsen und getragen werden muss.

Drei Perspektiven sind bei unserer Zielbestimmung bedeutsam:

Erstens: Wo besteht unmittelbar sozialer Bedarf?

Zweitens: Wo stehen mittelfristig große gesellschaftliche Herausforderungen an?

Und drittens schließlich: Was wirkt so, dass es das System selbst an seine Grenzen führt?

Allein schon dieses Herangehen bedeutet genau genommen, einen Kulturwandel einzuleiten.

Dass die Ökonomie das Soziale dominiert ist ja nun keine neue Feststellung. Große Teile der Wirtschaft haben sich von der Gesellschaft abgekoppelt. Anonym agierende Märkte bestimmen gesellschaftliche Verhältnisse. Ökonomische Regeln werden als „Sachzwänge“ gegenüber einer ganzen Gesellschaft definiert.

DIE LINKE kann einen Beitrag dazu leisten, dass gesellschaftliche Prioritäten und realökonomische Wertschöpfung wieder in den Mittelpunkt von Politik gerückt werden.

Das Wissen über diese Zusammenhänge vermag einer veränderten Innovationskultur ebenso Raum zu öffnen wie auch ein neuer Rahmen für soziales Handeln gewonnen werden kann.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Je mehr wir in den aktuellen Entscheidungshierarchien – also im Land, Bund und Europa – aufsteigen, desto gravierender können die Schwerpunktsetzungen auseinandergehen, desto schwerer wird das Durch- und Umsetzen von sozialen Innovationen für eine Mehrheit der Bevölkerung.

Allein für das Umfeld des Deutschen Bundestages in Berlin werden rund 2.000 Lobbyistenverbände angegeben – meist gut ausgestattet und bestens vernetzt.

Da hilft nicht, einfach nur fest im Glauben zu sein. Vielmehr muss man sich eine sehr gute fachliche Basis schaffen.

Das Wissen von Morgen wird also nicht in einer Antwort, in einem Ergebnis und in einem zu verfolgenden Konzept liegen. Vielmehr muss es gemeinschaftlich in einem Prozess gewonnen werden, an dem sich möglichst viele Menschen beteiligen sollten.

Noch manchmal zitieren wir ironisch den alten Satz: „Na die Genossen werden sich schon etwas dabei gedacht haben.“ Nein, nein, nein. Diese Zeiten und diese Art Politik zu machen muss vorbei sein. Sie muss aber auch unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen vorbei sein.

Angela Merkels „Alternativlosigkeit“ drückt auch nur ein patriarchales Politikverständnis aus. Die Indianer sagten „Hough, ich habe gesprochen“. Der Papst sagt „Amen“, ist aus dem scheinbar Alternativlosen aber auch ausgebrochen und geht nicht erst im Paradies in Rente.

Wissen ist also nicht mehr eindimensional, es ist viel komplexer geworden. Es begegnet uns plural und spielt in diesem Sinne eine neue gesellschaftliche, ja eine gesellschaftsverändernde Rolle.

Und damit knirscht es im Gebälk dieser Gesellschaft ganz gewaltig. Herrschaftswissen lässt sich insbesondere mit der Digitalisierung der Gesellschaft eben nicht mehr deckeln. Es lässt sich immer schwerer verknappen. Es lässt sich immer schwerer zu Ware machen.

Von Mancher oder Manchem unbemerkt – leider auch von vielen MitstreiterInnen in der LINKEN – hat sich eine Revolution vollzogen. Und diese „digitale Revolution“ verändert die Gesellschaft massiv.

Sie hat auch das Zeug, wenn wir es ernsthaft anpacken, die Grundstrukturen der Gesellschaft – nämlich Eigentums-, Besitz- und Verteilungsverhältnisse in Frage zu stellen.

Entscheidungen und Entscheidungsprozesse werden beispielweise durch Whistleblower, Wikipedia, soziale Netzwerke, durch neue Plattformen des Wissens- und Informationsaustausches offen gelegt, werden in Frage gestellt und machen tausende und abertausende zu AkteurInnen, Mitredenden und Mitgestaltenden. Kenntnisse und Wissen gewinnen so gewaltig an Vielfalt.

Durch Teilhabe an Wissen und Informationen, durch die Öffnung von Diskussions- und Entscheidungsprozessen ergeben sich aber auch politisch neue, sprich: alternative Handlungsmöglichkeiten. Und zwar auf allen Politikfeldern.

Ich gehe in meiner Vorstellung davon aus, dass wir mit unserer Politik nicht nur eigene Schwerpunkte und Umsetzungsszenarien vorschlagen sollten, sondern dass wir uns mit möglichst vielen Menschen verbünden sollten, um neue Bedingungen bzw. gesellschaftliche Räume zu schaffen, in denen wir gesellschaftliche Entwicklungswege gemeinsam abschätzen und konzipieren.

Kooperative Intelligenz und intelligente Kooperation können Markenzeichen einer modernen LINKEN sein.

So ist genau genommen unser Wahlprogramm ja auch eine der möglichen Optionen für Gesellschaftsgestaltung, aber vor allem für Gesellschaftsveränderung – das halten wir hier mal fest.

In diesem Sinne nimmt Wissen eine neue gesellschaftliche Rolle ein. Und das ist eine großartige Chance für eine Partei wie DIE LINKE, die sich bewusst immer wieder als emanzipatorische Bewegung beschreibt.

Nun zu meinem zweiten Punkt.

Wie hatte ich vorhin gesagt? Wissen begegnet uns nicht mehr quasi statisch als eine nahezu unabänderliche absolute Wahrheit. Durch die digitale Revolution hat sich das Verständnis von Wissen und Information geändert.

In Wikipedia wird das alltägliche Verständnis von „Wissen“ als „Kenntnis von etwas haben,“ beschrieben. Und weiter heißt es:

„Generell wird Wissen als ein für Personen oder Gruppen verfügbarer Bestand von Fakten, Theorien und Regeln verstanden, die sich durch den größtmöglichen Grad an Gewissheit auszeichnen, so dass von ihrer Gültigkeit bzw. Wahrheit ausgegangen wird. Paradoxerweise können daher als Wissen deklarierte Sachverhaltsbeschreibungen wahr oder falsch, vollständig oder unvollständig sein.“ Soweit zum Zitat.

Fakten und Informationen werden jeden Tag zusammengestellt, werden miteinander verknüpft und erscheinen uns im Ergebnis als Wissen – über die verschiedensten Medien, Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen – analog und digital, über soziale Netzwerke oder eben auch direkten persönlichen Austausch. Die Formen sind ganz vielfältig.

Nicht selten stellen wir im Vergleich jedoch fest, dass wir die Informationen mit ganz anderen Schlussfolgerungen zu unserem Wissen und zu unserer Wertung verknüpfen.

Auch diese zweite Betrachtungsperspektive zeigt, warum um die Gestaltung von Bildungs- und Wissenschaftssystemen immer wieder so erbittert und ideologiebelastet gestritten wird. Warum? Weil natürlich in diesen Systemen entscheidende Grundlagen für Medienkompetenz und damit für den souveränen Umgang mit Wissen gelegt werden.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, Fakten sind natürlich immer noch bedeutsam, aber ihr Umfang wächst exorbitant und begegnet uns als gigantische Datenmenge im Internet.

Wie kommen wir nun mit ihnen zu einem handhabbaren Überblick und wie zu Systematik sowie Ordnung? Wie kommen wir zu einer Auswahl und Orientierung?

Früher haben uns dabei die Enzyklopädisten von Meyers Lexikon oder eben auch Brockhaus geholfen. Die haben ihre Ergebnisse als kanonisches Wissen in Lexika gepackt und klar war die Sache.

Heute gehen wir ins Internet und die Algorithmen solcher Suchmaschinen wie Google liefern uns gewissermaßen Listen mit Informationen als Suchergebnisse. Und dann geht das Elend los. Man muss sich nämlich diese Ergebnisse ansehen, die zudem nicht selten auch noch widersprüchlich sind. Man muss in der Lage sein, souverän aus den Ergebnissen auszuwählen und Schlüsse zu ziehen.

„Während die Maschinen der industriellen Revolution die menschliche Arbeit automatisierten, assistieren die Algorithmen der digitalen Revolution uns Menschen beim Wissen“, schrieb Mercedes Bunz in ihrem jüngsten Buch „Die stille Revolution“ (S. 11). Die Autorin heißt übrigens wirklich so und ist auch auf Konferenzen der LINKEN bereits aufgetreten.

Wissen landet also nicht mehr als Fertiggericht vor unserer Nase, sondern um zu unserem Wissen zu kommen, müssen wir uns selbst für die Zutaten entscheiden.

Dumm nur, dass das Ergebnis dann auch nicht jedem schmeckt. Fakt ist aber, dass die Auswahl selbst zu einem demokratischen Prozess wird.

Wissen wird pluralisiert und es wird demokratisiert.

Und das ist nun ein wirklicher Meilenstein der Geschichte!

Nicht nur wir als Ottilie oder Otto Allgemeinwissende, nein, selbst anerkannte oder auch selbst ernannte ExpertInnen aus verschiedenen Wissensgebieten oder auch Wissenschaftsdisziplinen sind sich längst nicht einig.

Man kann sich also auch auf diese nicht mehr blind verlassen.

Wir sollten uns überhaupt auf autoritäre Stimmen von Institutionen nicht mehr verlassen.

Dennoch begegnet uns der Versuch jeden Tag in den Medien. Wirtschaftsweise, ExpertInnengremien, Studien so genannter renommierter Institute oder Universitäten, werden zitiert, um uns etwas plausibel zu machen. Mainstream nennt man das heute.

Wir haben diesen Mainstream nur zu gut im Umfeld aller Maßnahmen kennengelernt, um uns Bewältigungsstrategien und Finanzierungsmaßnahmen innerhalb der Finanzkrise „zu verkaufen“. Hans-Werner Sinn vom Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung ist da mein ganz besonderer Freund. Vor der Krise wurde von ihm Deregulierung als politisches Prinzip hoch und runter gepredigt. Rot-Grün hat’s dann durchgezogen und damit maßgeblich die Krise befeuert. Heute predigt er poltische Verantwortung und damit Regulierung der Folgen. Was nichts anderes bedeutet als dass die Verluste vergesellschaftet werden. Das ist für mich wirklich unfassbar.

Aber zurück zum Thema – die Digitalisierung der Gesellschaft und des Wissens, bietet auch hier Chancen auf gesellschaftliche Veränderung.

Vielstimmigkeit ist nämlich gesellschaftliche Normalität geworden, weil sich aus den verschiedenen Perspektiven unterschiedliche Auswahlprozesse ergeben.

Und eine Mehrheit kann dann allemal im Unrecht sein. Darüber hat übrigens Papst Benedikt XVI. im Bundestag gesprochen. Und das erlebe ich übrigens im Bundestag immer wieder mit Blick auf das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten anderer Fraktionen, insbesondere gegenüber von Anträgen der Linksfraktion.

Vielstimmigkeit zieht jedoch Widersprüche und verschiedene Konzepte nach sich. Widersprüche und Konflikte zu lösen bzw. zu Kompromissen zu kommen, ist und bleibt Kerngeschäft einer alltagstauglichen Demokratie.

Deshalb ist Selbst-Denken auch immer wichtiger geworden.

Wie hat sich nun aber „Denken lernen“ mit der Digitalisierung verändert?

Das ist aktuell ein großes Thema in der Wissenschaft. Bildungs- und neurologische Forschung, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften schlagen sich damit herum, wie junge Leute aufwachsen und gebildet werden müssen, damit sie kompetent werden, Informationen, Fakten kurzum Daten zur Meinungsbildung auszuwählen.

Und alle sind sich einig, dass uns dieser Medienbildungsprozess ein Leben lang begleiten muss.

Ich bin darauf in der Enquetekommission des Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“ in allen vier Projektgruppen, in denen ich mitgearbeitet habe, immer wieder gestoßen.

DIE LINKE verbindet mit ihren Vorstellungen in den Bereichen von Bildungs-, Wissenschafts-, Kultur- und Netzpolitik den offenen, freien und gleichen Zugang zu Bildung, Wissen, zu Kultur, zu demokratischen Entscheidungen sowie zu Dienstleistungen und öffentlichen Gütern. Infolge dessen streiten wir eben auch für optimale Bedingungen zum Heranwachsen mündiger und informierter Menschen.

Konzerne beginnen Konsequenzen dieser Entwicklung schon wieder zu übersetzen, um daraus neue Geschäftsfelder zu kreieren. Gerade erst fand die Cebit unter dem Label „Shareeconomie“ statt. Wirtschaft des Teilens, könnte man es übersetzen.

Man hat begriffen, dass aus der Digitalisierung auch Eigentums- und Besitzfragen ganz neu beantwortet werden können.

Man muss das Gekaufte nicht zwangsläufig mehr besitzen.

Ein Buch lädt man über das Internet als Datei auf seinen eReader oder das Tablet. Man kann es lesen aber nicht ausdrucken und weitergeben. Auch weiterverkaufen kann man es nicht. Obwohl man meint, es gekauft zu haben, besitzt man es nicht. Tatsächlich darf man es nur nutzen. So halten wir den Prozess für ziemlich problematisch.

Aber viele wollen auch gar nicht mehr zwangsläufig alles kaufen, sondern eben einfach nur nutzen oder mitnutzen. So wie man Straßenbahnen und Busse nicht kauft, sondern mitnutzt. Mehr und mehr Menschen wollen auch kein Auto mehr besitzen, sondern es mit anderen teilen.

Daraus kann sich auch ein anderer ökonomischer und sozialökologischer Ansatz ergeben. Die Wirtschaft hat den Braten gerochen.

Wir als LINKE, dürfen diesen Wandlungsprozess nicht verschlafen. Immerhin haben wir die Chance, Fragen nach Eigentum und Nutzung von Gemeingütern neu zu beantworten. Gemeinwirtschaft kann ein Ansatz sein, gerechter zu verteilen und Wirtschaft zu demokratisieren. Die demokratische Verfügungsgewalt über Schlüsselressourcen menschlicher Existenz zu thematisieren, gehört zu unseren ureigenen Aufgaben.

Solche, wie vorhin bereits erwähnte Güter, Energie, Wohnung, Wasser, Entsorgungsanlagen, öffentliche Nahverkehre, Gesundheitswesen, Pflegeeinrichtungen, Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen und vieles andere mehr können wir nicht purem Gewinnstreben überlassen.

Auch in dieser Hinsicht hat die Digitalisierung der Gesellschaft neue Widersprüche offen gelegt und alte verschärft.

Auch hier knirscht es im Gebälk der Gesellschaft.

An diesen Konfliktlinien kann und muss eine moderne linke Partei inhaltlich auch zukünftig weiter arbeiten, sowohl in der Substanz als auch in der Vermittlung. Unsere in den vergangenen Jahren über die Arbeit im Bundestag wesentlich intensivierten Kontakte zu Verbänden, Organisationen, Vereinen und Einzelpersönlichkeiten können und müssen wir kontinuierlich fortsetzen und inhaltlich ausbauen.

Wir haben mit den Beschäftigten und mit Kreativen dieses Wirtschaftszweiges zusammengesessen und deren soziale Lage im Parlament zur Diskussion gebracht.

Nur eine LINKE, die sich auf Netzwerke in vielen Bereichen der Gesellschaft stützt, kann schrittweise neue Mehrheiten für Änderungen in Politik und Gesellschaft organisieren oder Menschen ermutigen.

Mein Wille ist es, mehr und mehr politisch interessierte Menschen aus allen sozialen Schichten anzusprechen, für uns zu interessieren und zur Mitarbeit zu motivieren.

Ich möchte, dass unsere Partei verlässlich und professionell sowie offen und überraschend zugleich ist.

Auf meinen Themengebieten von Forschung, Technologieentwicklung, Innovation, Medien, Kultur, Bioethik und Netzpolitik habe ich mit vielen MitstreiterInnen auch aus unserem Bundesland an der Umsetzung dieses Politikansatzes gearbeitet.

Wir konnten neue Gesprächsräume öffnen – analog auf Konferenzen, Gesprächen und Veranstaltungen oder digital im Internet durch eine offene Kommunikation und neue Möglichkeiten des Mitmachens bei unserer Politik. Da ergeben sich auch Impulse für die Stadtratsarbeit in Halle.

Was mich besonders freut, ist aber auch, dass unser Landesverband, unsere Landtagsfraktion aktiv mit eingestiegen sind und bei diesem schwierigen Brückenschlag helfen.

Das alles bedarf eines langen Atems und systematischer Arbeit. Es ist gewissermaßen schwere Kost. Man muss sich daran allerdings nicht zwangsläufig den Magen verderben.

Vielmehr spüre immer wieder, dass es auf dieser Basis schrittweise gelingt, das Bild von der LINKEN in der Auseinandersetzung mit diesen Zukunftsfragen zu wandeln und zugleich wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz für soziale Fragen auch auf diesen Politikfeldern zu finden.

Zu einer politisch erfolgreichen LINKEN möchte ich gern meine Erfahrungen und meine Ideen beitragen. Das ist unglaublich spannend und macht mir ausgesprochen viel Spaß.

Und weil das alles auch so gut in die Zukunft dieser Stadt passt, will ich auch für Halle in den Bundestag gehen.

Und zwar ganz direkt, so wie wir es schon einmal gemeinsam geschafft haben. Daher bitte ich um Eure Unterstützung und um Euer Vertrauen.

Leicht wird’s nicht – aber was war schon leicht in den letzten 23 Jahren!?“