Wissenschaftler*innen sind keine Standortfaktoren!

72. Sitzung des Deutschen Bundestages

TOP 19) Gewinnung von Spitzenforschern

 a) Beratung des Antrags der Fraktion der FDP: Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher für Deutschland als führenden Standort internationaler Wissenschaft, Forschung und Innovation gewinnen und halten; Drucksache 19/5077

b) Beratung des Antrags der Fraktion DIE LINKE.: Prekäre Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft wirksam bekämpfen;  Drucksache 19/6420

c) Beratung des Antrags der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Eine weltoffenes Land für freie Wissenschaft; Drucksache 19/6426

ZP 16) Beratung des Antrags der Fraktion der AfD; Wissenschaftlichem Nachwuchs in Deutschland eine Perspektive geben; Drucksache 19/6424

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Herr Präsident!  Meine  Damen  und Herren!

Die FDP-Anträge lesen sich so, als würden immer  noch Papiere aus den Koalitionsverhandlungen recycelt.

(Heiterkeit bei  Abgeordneten der LINKEN)

Diesmal  soll der  Wettbewerb  um Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher  gewonnen werden .  Damit  keine Missverständnisse aufkommen:  Selbstverständlich  sind wissenschaftlicher  Wettbewerb  und der  Wechsel  zwischen Ländern und  Wissenschaftseinrichtungen  normal . Der FDP-Antrag allerdings  – Herr Diaby hat das schon angedeutet  – verengt  die  Sicht  sehr einseitig .  Und hier setzt meine erste Kritik an . Pure Konkurrenz ist der Grundgedanke dieses  Antrags. Man wähnt Deutschland  als führenden  Standort, der sich  gegen  andere  durchzusetzen  hat .  So werden  Wissenschaftlerinnen  und  Wissenschaftler  tatsächlich  nur zu Faktoren einer Standortlogik.

(Dr .  h .  c .  Thomas Sattelberger [FDP]: In Ihrem Wortschatz taucht „Wettbewerb“ nicht auf!)

Wissenschaft  und Forschung werden erneut  unternehmerisch betrachtet.  20  Jahre Erfahrung  mit  diesem  Ansatz haben aber eben, wie wir wissen, Freiheit von Forschung und Lehre längst deutlich eingeschränkt.

(Beifall bei der LINKEN)

Die Linke dagegen hält es für notwendig und attraktiv, Wissenschaft  und Forschung auf kooperatives  oder auch kollaboratives  Arbeiten  mit  Gemeinwohlorientierung auszurichten.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei  Abgeordneten des BÜNDNISSES  90/DIE GRÜNEN)

Zeitgleich,  meine Damen und Herren, arbeiten  Wissenschaftlerinnen  und  Wissenschaftler  weltweit  an ähnlichen Problemstellungen .  Viele  sind sehr komplex,  meist global  und binden  überall  erhebliche  Ressourcen .  Meinen Sie denn wirklich,  liebe  FDP, dass die Forschung an Klimawandel,  Digitalisierung,  künstlicher Intelligenz, Nachhaltigkeit,  Mobilität  und Gesundheit gewinnt, wenn man sie auf Deutschland konzentriert?

(Beifall bei der LINKEN  sowie der  Abg . Dr .  Wiebke Esdar [SPD]  – Dr .  h .  c .  Thomas Sattelberger [FDP]:  Aber Deutschland muss vorne sein!)

Zudem  hat  ein  Wandel  in  der  Wissenschaftskultur  unter Wissenschaftlerinnen  und  Wissenschaftlern doch längst stattgefunden.  Das, was sich dort entwickelt  hat, muss wissenschaftspolitisch  gestärkt  werden.  Es wird international  zusammengearbeitet.  Was macht  es denn für einen Sinn, wenn  Wissenschaftsvereinbarungen  mit  anderen Staaten oder auf EU-Ebene abgeschlossen werden, hier aber  zugleich  ein Human Grabbing, also sozusagen ein Wegschnappen  von Wissenschaftlerinnen  und Wissenschaftlern,  politisch legitimiert  werden  soll? Das ist  die falsche  Ausrichtung .

(Beifall bei der LINKEN)

In meiner  zweiten  Kritik  werfe ich  der FDP  vor, dass sie eigentlich vom Ende her denkt.  Sogenannte Starwissenschaftlerinnen  und Starwissenschaftler, wie Sie schreiben,  stehen am  Ende  einer  langen  Bildungskette . Es ist ein erheblicher Einsatz  von Ressourcen erfolgt,  öffentlichen  wie privaten .  Deutschland  ist eines  der reichsten  Länder dieser Erde. Wollen  wir immer  noch mit  dem Schleppnetz  durch  Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen  anderer Länder  ziehen  und dort quasi den Rahm  abschöpfen? Zugleich  forscht und lehrt  unser eigener  wissenschaftlicher  Nachwuchs unter  prekären  Beschäftigungsbedingungen. Was  für  ein Widerspruch!

(Beifall bei der LINKEN)

Es wäre allemal  besser, wir würden konsequent in unsere eigene Bildungs- und  Wissenschaftslandschaft investieren.  Der Präsident  der Max-Planck-Gesellschaft hat das vorgestern im Forschungsausschuss sehr schön ausgeführt.  Er hat gesagt, dass  der Ruf der Institute darüber  entscheidet,  ob  Forscherinnen  und  Forscher bleiben oder  kommen .  Tun wir also  dafür etwas! Machen  wir erst einmal in Deutschland unsere Hausaufgaben! Danke.

(Beifall  bei  der  LINKEN  –  Dr .  h .  c .  Thomas Sattelberger [FDP]: Jetzt  war es sehr weltweit!)